Samstag, 20. August 2016

leben und tod sind schwestern

ich besuche am nachmittag sonni.
sie ist schwanger - endlich!
wir sitzen und quasseln, lachen über ihren schwangerschaftstest - sonni: ich pinkel also ins glas, den streifen rein, hellblau soll der werden in ein, zwei minuten. wir warten keine minute und der wird knalldunkelblau! ganz schnell! oh je, liegt das an den spargeln? vielleicht bin ich gar nicht schwanger?! 
wir reden über dicke bäuche, essgelüste und ihre endlose bleierne müdigkeit.
spannen den bogen zu den fehlgeburten, schwangerschaften und geburten unserer mütter und großmütter.
ein band. eine brücke. wir geben leben weiter.

sonni ist jünger als ich, meine kinder schon teenager. ich denke laut: bald sind meine kinder groß genug in ihr eigenes leben zu gehn. und während ich es denke, sage und fühle, schmerzt es unendlich. so sitzen wir in gedanken an ein leben mit kindern, das vor sonni liegt und für mich in wenigen jahren vorbei sein wird. wir weinen und lachen abwechselnd. als ich mich verabschiede, streiche ich sonni über den bauch. meine mutter nannte mich ein gefülltes täubchen, als ich schwanger war, sage ich. sonni lächelt. so so, bin ich also ein gefülltes täubchen.

auf dem rückweg in die stadt treffe ich mira mit ihrer mutter. ich begrüße die beiden, habe die mutter lange nicht gesehen.
der vater ist gestorben, sagt mira. ach weh. wir gehen ein stück miteinander. ihre mutter, sie ist so traurig. 50 jahre waren wir verheiratet, sagt sie. sie kann sich nicht von vaters sachen trennen, erzählt mira. ich nehme das hemd aus dem schrank, sagt die mutter, ich streichle es, ich rieche daran, ich küsse es und hänge es wieder hin. die krawatten. mir laufen die tränen.
seit wann ist deine mutter tot, fragt mich mira. drei jahre.

erinnerungen und wege mit dem schmerz zu leben breiten wir aus, an diesen sonnigen tag, auf dem kopfsteinpflaster der straße stehend, im gewusel der fußgänger. wir sind eine insel. miras mutter verteilt taschentücher. wir weinen.
als ich mich verabschiede, wirft mir die mutter eine kleine
kusshand zu und ein winziges winken.
 
radfahren. gerührt und verweint.

Kommentare:

  1. Danke, dass Du diese Erlebnisse mit uns teilst. Du hast so Recht, Leben und Tod gehören untrennbar zusammen. Liebe Grüße, Pirandîl

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  2. Liebe Eva,
    vielen Dank für diesen Text. Das ist so gut geschrieben. (Vom Inhalt mal ganz abgesehen, der lässt die Themen klingen, die mich auch oft umtreiben)Hut ab.
    Herzliche Grüße von Lucia

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  3. Lieben Dank Euch, Pirandil, Lucia und Michelle.

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  4. Schöne und traurige Momente aus dem wahren Leben sensibel erlebt und aufgeschrieben. Danke.
    LG Edith

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