Dienstag, 6. Juni 2017

Die Welt vor meiner Tür

Freitagvormittag im Büro. Es ist warm, ich arbeite bei offenem Fenster.  Draussen piept irgendein kleiner Vogel, mit der Zeit etwas enervierend - aber das soll's ja auch - einen Boden- oder Luftfeindwarnruf.  Sehr hartnäckig. Der Störenfried scheint sich nicht wegzurühren. Ich gehe paar Mal gucken, wer da so schimpft. Ah, ein Rotschwanz. Irgendwer beunruhigt ihn sehr! Er fiept. Laut. Lange. 
Ich frage mich immer noch, wieso, als es am Fenster im vorderen Büro klappert. Wie wenn wer an die Scheibe klopft.  "Kann nicht sein" denke ich sofort, das Fenster liegt im Hochparterre hinter zwei Meter hohem Zaun und Vorgarten.  Hmpf. Stehe schließlich doch auf, nachsehen, als es noch mal klopft.  ???  
Auf der Fensterbank sitzt eine kleine Rabenkrähe! Aha. Alles klar. Nesträuber, Eierpicker, Jungvogelfresser - klar wird die hier verschrieen! 
Dass sie selber noch ein Kleines ist - kann dem viel kleineren Rotschwanz  so was von wurscht sein. 
Das Rabenkind sieht lustig aus. Noch rosige Mundwinkel, äh, Schnabelecken, eine seltsame Frisur zwischen Wuschelkopf und glänzendem glatten schwarzem Kopfgefieder - wie der erste Undercut vom Friseurlehrling. 
Voll befiedert. Neugierig. Es versucht die Kante der Fensterscheibe zu erklettern, dotzt ans Fenster, das war das Klopfen. Guckt mich an. Ja, denke ich, wenn ich das Fenster aufmache, kommst Du rein. Ich kenn Euch neugierigen furchtlosen Gesellen.  Kletterversuch, klopfen, der Rotschwanz fiept. Schachmatt. Keiner räumt das Feld. Geht das jetzt noch zwei Stunden? 
Oh Leute. 
Ich lege die Handfläche ans Fenster, genau vor den neugierigen Krähenkopf. Aha. Jetzt kapiert. Da geht's weder durch noch rein. 
Umdrehn. Mit dem Rumpf ruckeln, nochmal hinkacken, Anlauf nehmen, Abflug. 
Na also. 
Und der Rotschwanz ist sehr erleichtert. 

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Am Wochenende eine Radtour in Etappen. Ein Halt beim Schloß Alsheim mit einem Künstler- und Handwerkermarkt. Es war so voll und ist dort auch eng, so dass ich verzichtet habe, Fotos zu machen. Viel Schmuck (aus Nespressokapseln, schüttel, ist das jetzt der Renner?!  Die überflüssigste Erfindung seit Filterkaffee. Alu zum Wegwerfen tut diesem Planeten nicht gut...) ein bisschen Shabbyschnickeldi, noch mehr Schmuck, Galerie, Kleidung, der Stand einer hervorragenden Schmiedin - pah, ich bin hinundweg!! - lekker Mampf und Wein, sehr schöne Drechselarbeiten, und und und. Hinten im  zugewachsenen Teil des Gartens ein Stand mit Fellen, Wollsachen, Lederschlappen. Jacken. Wolljacken. Aber nicht gestrickte. Fett gefilzter Wollfleece. Mein lieber Scholli. Voluminös! Leicht. Dicht. Wir probieren an. Wir sehen aus wie Eisbären. Sind begeistert und fahren schließlich mit zwei Eisbärjacken auf dem Gepäckträger die nächsten 38 Kilometer nach Hause.  Wie nennt man das? Antizyklisches Einkaufen? Lach. 

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Ein anders Highlight des Schlossparkes war sehr versteckt, lag rum und grunzte: 






 

Kommentare:

  1. ...dein Erzählstil ist so herrlich, liebe Eva,
    schön und erfreulich zu lesen und bildet direkt Bilder in meinem Kopf...danke,

    und gute Nacht wünscht
    Birgitt

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  2. Hihi, Raben, Rotschwanz, Eisbären und Schweine- ein tierisch schöner Post.
    Lieben Lisagruß!

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  3. Liebe Eva, jetzt schaue ich wohl öfter vorbei. Deine Vogelgeschichte ist einfach köstlich zu lesen.

    Liebe Grüße
    Nula

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  4. Deine Vogelgeschichte ist so lebendig, ich sehe den schwarzen Wuschelkopf auf der Fensterbank sitzen!
    ...und Schweine mag ich auch total!
    Gleich mache ich die Lautsprecher an und klicke auf deinen neuen Musik-Link. Danke dir!
    Liebe Grüße von Ulrike

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