Sonntag, 10. September 2017

Die Welt vor meiner Tür

Zitadellenfest. Wir stromern auf über- und unterirdischen Gängen auf dem Festungsgelände herum. Die unterirdischen sind begehbar bis 1. Oktober, dann als Fledermausrevier für Menschen geschlossen. 
In den Kasemattengängen eine Kleine, die ihrem Vater gewichtig erklärt "mit meiner Laampe, da hab ich geseeehn, dass das ein eeechtes Loch ist!" (die langen Vokale gesungen) bekräftigendes Kopfgewackel. Die grinsende väterliche Gegenfrage "Sofie, was ist ein unechtes Loch?" wird ignoriert. Sie leuchtet in die Mauerzwischenräume und findet 'lauter echte Löcher'. 
Mein Mann überholt sie und brummt vor sich hin, "es gibt echte Löcher, unechte Löcher und schwarze Löcher." Der Vater lächelt.

Wir trödeln durch's stadthistorische Museum, lachen über uns selbst beim zigsten "guck mal, wie bei meiner Oma!", betrachten die Oldtimer auf der großen Wiese, sitzen gemütlich auf einer Bank unter Linden. 

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Auf der Bühne legt steplight los. Eine Formation junger MusikerInnen, 4x Blech (Herrlich! Ich liebe diesen sound!) 2x Gitarre, Bass, Klavier, Schlagzeug, 3 Sänger, 2 Sängerinnen. Sie covern von der 80igern bis heute herrlich querfeldein, alles geht in die Beine. Mein Mann versucht mich zur letzten Führung über's Gelände zu begeistern, aber ich schicke ihn alleine los. "Ich bin nachher noch da!"
Live Musik. Tanzbar. Was will ich mehr. Hachz. 
Treffe meine Freundin samt erwachsener Nichte aus Atlanta, die fröhlich alles mitsingt. Zwei kleine Mädelchen, so um die drei, vier Jahre vielleicht, hopsen, zappeln, hüpfen mit Begeisterung vor der Bühne rum, lassen sich mal fallen, rollen auf dem Boden, gehen auf allen Vieren und lachen durch die Beine die Eltern an, wir gucken ihnen zu und lachen uns mit ihren Eltern scheckelig. 
Die Band wird noch zur Zugabe geklatscht und gerufen, da kommt auch der GöGa wieder, ein letztes Stück Musik, ein paar nette Worte vom Veranstalter, einhelliges Jaaaa des Publikums, die Band bitte 2018 wieder zu buchen, letzte Runde, kleines Tänzchen. Wir trollen uns. Spaziergang durch die Stadt zurück, es ist herrlichstes Sonnenwetter. 

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Wochenmarkt am Dom. Zwischen den Ständen herumzotteln. Kaufe ein paar Kilo Suppentomaten - Gelächter mit der Marktfrau, die mir Selleriekraut dazupacken möchte. Nee, sage ich, danke, meine Familie hat gestreikt letztes Mal, für uns bitte ohne!  Letzte Mirabellen, Aprikosen aus dem Vogelsberg, Finther Zwetschgen. Dazuerzählt krieg ich Kochrezepte für Kartoffelzwetschkenknödel von der Marktfrau und von dem jungen Päärchen neben mir, dass es sich auf die Mutter des Mannes freut, die ihnen das Zubereiten von Marillenknödeln beibringen will. 

Vom frischen Ingwer ein Ohr, Chillieschoten glänzend und frisch, Paprika in schwarz, rot und gelb. Wie entspannt und gemütlich die Stimmung an einem Freitag mittag ist im Gegensatz zum pickepacke gestopften Samstag morgen, wenn sich die halbe Stadt zwischen den Ständen stapelt. 

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Bis zum Abend köchelt Paprikarelish, löffle ich Oma-Gedächtnisessen aus Kompott und Grießklößen, baue mit der Tochter Tomatensoße mit knoblauchgetränkten Kalamataoliven, dass wir uns die Finger lecken. 
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Der Mann im Rock, der schon zu meinen Unizeiten Mann im Rock war (er war damals der einzige) trägt heute einen Mini über seinen braunen gertenschlanken Beinen, darüber ein fröhliches weissrotes Ringelhemd.

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Der GöGa ist aus und wir machen uns einen Mutter-Kinderabend, lümmeln zu Dritt vor dem PC des Sohnes, mampfen glotzend Abendessen und ziehen uns drei Folgen 'Strange Things' rein. 

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Eine Woche voller Frauen im Ausnahmezustand. Mittwoch abends ruft E. an. Die liebe E., mit der ich in Reha war, heulen in der Gesprächstherapie, malen in der Kunsttherapie, zusammen wandern im thüringer Wald. E., die Jahre und viel Hilfe ihres Psychologen brauchte, um eine verfahrene Schwägerinnensituation für sich klar zu kriegen und abzuschließen. Nun bekommt sie einen Brief von einem Rechtsanwalt, den die Schwägerin beauftragt hat, mit der Einladung zu einem Mediationsgespräch. Nein! sagt sie, da geh ich nicht hin. Das kocht alles wieder hoch. Ich hab zweieinhalb Jahre gebraucht, um mit der Sache fertig zu werden. Nee.
Eva sagt E., Eva, sag was. Wir reden Ohren heiss, Akkus leer, Herzen her und hin. 

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Freitag früh erwartet mich eine berufliche mail von der lieben N. Sie habe den Schuldienst quittiert, sie braucht eine Versicherung für freiberufliches unterrichten, ob ich das mal könne. Ich kann. Und bei mir kocht es hoch. 

N., die berufsbedingt und nach noch so einigen Lebensnackenschlägen Anfang Februar in eine Tagesreha ging, meldet sich nie. Ich kreise seit Jahren um diese Nichtkommunikation, die mich unglaublich verletzt, um das schwarze Loch, in das ich Briefe schreibe, Chats, Anrufbeantworter bequatsche, Sachen schicke - und an dem ich mir wehtue. Immer wieder. Meist kann ich es wegschieben, pragmatisch, vernünftig, es geht nicht um mich, ihr Zustand ist zu schlecht, zu viel Stress, Ausbildung, Kinder, Scheidung, Theater, Theater. Ich gehe auf Abstand zum Selbstschutz - aber es klappt eben nicht immer. Heute nicht mehr. Ich richte ihr die gewünschte Versicherung ein, sitze vor PC, Telefon, meiner Arbeit, werde fahrig, unkonzentriert, rappelköpfig. 

Wir kennen uns seit dem Studium, hielten Kontakt durch ihre 10 Jahre Auslandsaufenthalte, sie ist die Patin meines Sohnes, sie ist mir nah. 

Am Nachmittag, während einem Regenguß im Gartenhaus, rufe ich sie an. Wir umkreisen einander. Ich frage nach Schuldienst quittiert und bekomme ein paar Antworten. Irgendwann fällt ihr Satz 'meine Mutter ist vor zwei Wochen gestorben.'
Es haut mich weg. Ich kannte ihre Mutter. Mochte sie. Beim Abschlussfest von N's Ausbildung saßen wir noch beieinander.
Und dann kann ich einfach nicht mehr. Ich weine. N., sag mir, wieso sagst Du nichts? Wieso sagst Du nicht was? Wenn ich jetzt nicht angerufen hätte, wüßte ich bis heute nicht, dass Deine Mutter tot ist! 
Das tut weh. Verdammt. 
Es gibt Antworten für mich. Antworten, die mir die Unfähigkeit N's zeigen, sich zu öffnen, ihre Unmöglichkeit, aus ihrer Haut zu können, das Unvermögen, sich mitzuteilen. Mein Kopf versteht. Mein Herz tut einfach nur weh. 
Ich brauche  Zeit, mich zu sammeln, meinen Sicherheitsabstand wieder herzustellen. Sie bleibt ein schwarzes Loch, ich muss damit leben. Ob ich es weiter kann? Wir wissen es nicht. 

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Anderntags bin ich mit der lieben R. verabredet. Wir haben uns lange nicht gesehen. Als es mir nicht gut ging, konnte ich ihre forsche anpackende bis übergriffige Art kaum ertragen, ihr brennender Ehrgeiz hat mich flachgeklopft. Nach dem langen Telefonat mit N. am Vortag überlege ich sogar kurz, abzusagen. Wie stabil bin ich? Ich ziehe ein paar innere Sicherheitsschilde hoch und freue mich auf das Treffen. Es ist schön sie zu sehen. Sie kommt aus dem Unterricht, scheucht ihre Schüler raus, zieht sich dreimal um, wir lachen viel. Gehen essen. Sie erzählt von ihrer neuen Wohnung seit Mai, zeigt Bilder, erzählt von Nachbarn, neuen Freunden, dem Pizzabäcker am Eck. Launig und aufgeräumt. Und wohnst Du dort alleine oder mit A. frage ich. (Ihr Mann und sie lebten vor ihrem Umzug jahrelang harmonisch in zwei Wohnungen drei Straßen voneinander entfernt.) 
Minenfeld. Das fröhliche Gesicht, das launige Erzählen vom Finden und Einrichten der Räume, wird eckig und hart. Nein. Mit A. nicht. Und sie schimpft los. Da bricht eine Menge raus. 
Als sie alles losgeworden ist, beisst sie zornig in ihre Pizza, beisst ihn weg, den Ärger, den Mann, ich werde mich trennen auf Zeit, sagt sie, kaut offenen Mundes, hat ihn vor Augen, ich werde mich trennen, für ein halbes, für ein dreiviertel Jahr, beisst ab, kaut, aber das weiss er noch nicht. 






 

Kommentare:

  1. Ach, liebe eva, das beginnt heiter und endet schwer. Ich wünsche dir viel Sonne und Leichtigkeit bei schönen Festen und auf Märkten und viel Kraft üfr die schwierigeren Gespräche und Momente, und beides macht das Leben ja aus. Lieben Gruß!
    Susanne

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  2. Liebe Eva, so bin ich also nicht die Einzige, die Freundschaften manchmal richtig schwer findet. Danke für Deine offenen Worte. Ganz herzlich, Eli

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  3. Puh, das pralle Leben. Und eine Kunst, die hellen Leichtigkeiten nicht vom dunklen Schweren unterbuttern zu lassen. So eine N. kenne ich auch, manchmal höre ich Jahre nichts von ihr und schreibe wie du meine Karten und Briefe in ein "schwarzes Loch"... Mehr geht nicht. Das Angebot offen halten, immer, ja. Alles Liebe dir, liebe Eva, und sonnige herbstliche Grüße Ghislana

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  4. Ich schicke einen wortlosten, aber herzlichen virtuellen Knuddler durch's Netz und hoffe, dass er gut bei Dir ankommt!
    Liebe Grüße von Frau Frosch

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